Verkehrswende & Infrastruktur

Verkehrswende & Infrastruktur.

Stuttgart ist schön. Stuttgart ist lebenswert. Stuttgart macht Freude. Doch Stuttgart hat einen Problembären – seine Luft.

Deutschlandweit sind wir wohl gleichermaßen bekannt für unseren lieben VfB Stuttgart wie für die Luft in unserem Kessel – beides hat schon bessere Zeiten erlebt. Die hohe Lebensqualität, die Stuttgart uns allen bietet, würden wir auch gerne noch im hohen Alter genießen – aber mit weniger Staus, besserer Luft, intelligenterer Mobilität und mehr Grünanlagen. Wir glauben das geht. Wie? Das wollen wir euch im Folgenden erläutern.

Der Stuttgarter Kessel kombiniert ein hohes Verkehrsaufkommen auf sehr kleinem Raum in topographisch ungünstiger Lage – und stellt in Sachen Luftreinheit die Stadt vor eine ungleich größere Herausforderung als beispielsweise Freiburg. Wer regelmäßig abends Laufen geht kennt das: Aus dem Kessel in den Kräherwald läuft es sich noch gut. Doch sobald man nach 45-60 Minuten aus dem Wald heraus wieder herunter in den Kessel zur RushHour läuft, ist die Belastung der Luft direkt in der Lunge spürbar.

Gleich vorweg, das Auto verbieten möchte hier niemand. Dass viele Bürger*innen in Stuttgart alleine aus beruflichen Gründen auf das Auto angewiesen sind ist ein Umstand, der berücksichtigt werden muss. Die Bürger*innen haben das Recht sich für ein Auto zu entscheiden, sei es zur Fahrt in den Urlaub oder zur Tätigung größerer Einkäufe. Viele Bürger*innen haben ein starkes Bedürfnis nach einer Mobilität, die sich nicht ausschließlich durch die Nutzung von Bus, Bahn oder Fahrrad bedienen lässt. Liegt er Arbeitsplatz außerhalb der Stadt und ist mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nicht leicht zu erreichen, kommen viele nicht um das Auto herum. Für viele junge Pendler*innen würde sich aber die Frage nach dem Auto nicht stellen, wäre der Stuttgarter “Speckgürtel” besser an die öffentlichen Verkehrsnetze angeschlossen!

Des Weiteren sollte hinterfragt werden, ob in jedem Fahrzeug – speziell zu Stoßzeiten – nur eine Person sitzen muss. Hier hat sich in Stuttgart praktisch noch gar nichts getan. Für bestimmte hochbeanspruchte Verkehrsadern stellen wir uns die Anwendung eines amerikanisches Konzepts vor. Die „HOV Lane (High Occupancy Vehicle Lane)“, bei der bestimmte Spurenabschnitte in Stoßzeiten nur Fahrzeugen mit mehr als einer Person im Fahrzeug vorbehalten werden. Zudem wollen wir mit dem Aufbau eines leistungsstarken „Park and Ride“ Konzepts, wie es in anderen Städten schon erfolgreich angewandt wird, in Stuttgart eine Menge erreichen. Soweit so vernünftig. Doch, auch unpopuläre Entscheidungen müssen vorgebracht und debattiert werden, um zu einer sinnvollen für alle umsetzbaren Lösung zu gelangen.

Vor diesem Hintergrund drängt sich die Frage auf, ob Ampelschaltungen nicht neu gedacht werden sollten mit dem grundlegenden Ziel unnötige Anfahrvorgänge von Fahrzeugen zu vermeiden. Das hat einen einfachen Hintergrund. Jeder Anfahrvorgang verbraucht ein Vielfaches der Energie (Benzin), die das Aufrechterhalten der innerstädtischen Geschwindigkeit nach dem Anfahren benötigt – und sorgt gerade in Staus für eine enorme Luftbelastung die im Gegenzug sehr wenig Strecke für den Einzelnen bringt. Wäre eine Fußgängerampel beispielsweise in der Lage zu erkennen, ob Fußgänger*innen überhaupt noch warten (oder doch nicht etwa schon bei rot die Straße überquert haben?), können am Steuer unnötige „für wen habe ich jetzt bitte angehalten?“-Momente vermieden werden. Die technische Möglichkeit besteht dafür heute jedenfalls. In die gleiche Kerbe schlägt auch der Ausbau von Über- und Unterführungen analog denen auf der Friedrichstraße. Damit wird der Ausstoß der Verbrennungsmotoren effektiv reduziert – die Ampeln würden direkt weggelassen.

Noch besser wäre es allerdings, wenn insgesamt weniger Kraftfahrzeuge auf den Straßen unterwegs wären. Denn auch emissionsfreie Fahrzeuge sorgen für eine gewisse Menge an Feinstaubbelastung durch Reifenabrieb und Bremsvorgänge – ein weiteres Teilziel unseres Programms stellt daher auch die Lenkung des Kraftverkehrs ohne Verbote dar. Der Ausbau eines Straßenrings um Stuttgart, der den städtischen Durchgangsverkehr reduziert, sollte als Option zumindest bedacht werden – wenn ökologische Aspekte damit in Einklang gebracht werden können.

Infrastruktur – das ist zu guter Letzt auch Parkraummanagement. Mit jedem neuen Gebäude muss in Zukunft eine maximale Menge unterirdischer Parkplätze geschaffen werden. Wichtig an diesem Ansatz ist, dass beim Bau mehr Parkplätze entstehen, als von dem neuen Gebäude in Anspruch genommen werden. Die überschüssigen, unterirdischen und vor allem öffentlichen Parkplätze werden vielerorts die Straßen zum Fahren freigeben – und nicht zum Parken, was wiederum dem Verkehrsfluss zugute kommt. Besonders begrüßenswert wären Anwohner*innen-Parkhäuser mit direktem Zugang zu Ladestationen für E-Autos. Wir wissen, dass sich hier bei der Ladeinfrastruktur noch einiges tun muss, weil sich die Menschen natürlich ein Elektroauto nur zulegen, wenn sie dies auch in der Nähe ihrer Wohnung laden können. Hier könnte die Stadt Baukonzepten, die ein solches intelligentes und nachhaltiges Parken ermöglichen bei Baugenehmigungen den Vorrang geben.

Zudem sollte bei der Vergabe der Anwohner*innenparkausweise darauf geachtet werden, dass Unternehmen nicht ihre großen betrieblichen Transportkraftwagen, die meistens Diesel nutzen und viel Parkraum wegnehmen, auch als Privatauto vor ihrer Tür auf der Straße abstellen. Diese Laster gehören in den Betrieb.

Und eine besonders positive Entwicklung wäre doch, wenn Besucher*innen, Anwohner*innen, Shoppingkings und -queens sich bei kleinen Alltagsbesorgungen immer auf kleine schicke E-Autos im Car-Sharing Konzept verlassen könnten. Das spart Parkraum, das verbessert die Luft, das stellt keine Überforderung für den privaten Geldbeutel dar und das erhöht sogar die persönliche Mobilität.

Wenden wir den Blick nun weg von privat genutzten PKW hin zu gemeinschaftlich genutzten Systemen, wie dem ÖPNV. Auch hier muss es einen Ausbau der Transportkapazitäten geben, der einhergeht mit effizienzsteigernden digitalen Mitteln des 21. Jahrhunderts. Zukunftsfähige Mobilitätskonzepte für Busse müssen schneller in Erprobungs-Zyklen gebracht und im Anschluss konsequent ausgebaut werden. Schon dieses Jahr sollen Pilotprojekte starten, in welchen erprobt wird wie Buslinien sich automatisch und dynamisch dem Bedarf und dem Ort der Kunden anpassen – ähnlich des aktuellen Systems von Clever Shuttle. Parallel dazu muss die Nutzung des ÖPNVs in Stuttgart finanziell deutlich attraktiver werden, gerade für den schmalen Geldbeutel von jungen Studierenden und Auszubildenden. Hier wollen wir ein 365€ Ticket. Jede*r sollte an der Infrastruktur der öffentlichen Verkehrsmittel teilhaben können und nicht mit den Gedanken spielen müssen, ob das Auto im Zweifelsfall gar nicht sooo viel mehr kostet als der Sprit zu Arbeitsplatz, Hochschule oder Innenstadt.

Öffnen wir nun den Betrachtungswinkel auf die Mobilität noch weiter, kommen wir zu – last but not least und gerne auch elektrisch unterstützten – Fahrrädern. Hier bieten sich gerade in Stuttgart noch enorme Potenziale, um die Nutzung des Fahrrads als Ersatz für Auto, Bus und Bahn (denn alle benötigten Energie) attraktiver zu gestalten. Priorisierte Radschnellwege wie es Sie in den Niederlanden seit Jahren erfolgreich gibt könnten in der Innenstadt und gerade im Kessel für mehr automobilfreies Vorankommen sorgen. Diese Radwege sollten gepaart werden mit Ausnahmeregelungen für Fahrradfahrer*innen im Straßenverkehr. Wo möglich sollen Fahrradfahrer*innen auch bei “rot” abbiegen können – eine Art grüner Fahrrad-Pfeil. In anderen geeigneten Bereichen sollten Fahrradfahrer*innen auch auf Gehwege ausweichen dürfen, um so ein möglichst weites und unterbrechungsfreies Netz für Fahrradfahrer*innen zu schaffen. Nach und nach entstehende und ausgebaute verkehrsberuhigte  Bereiche, wie etwa die Tübingerstraße, werden die Attraktivität des Fahrrads weiter steigern. Auch zusätzliche Fahrradabteile in den S und U Bahnen halten wir für sinnvoll. Und ein weiterer Ausbau des Jobrades kann den Umstieg auf den alltäglichen gesunden Weg zu Uni und der Arbeit viel leichter machen, weil auch der Geldbeutel lacht. Und wer meint, Stuttgart sei zu bergig? Auch ein E-Bike kann ein Jobrad sein! Die Mitnahme von Fahrrädern in öffentlichen Verkehrsmitteln sollte überdies hinaus sowieso ab sofort immer möglich sein, auch und gerade zu Pendlerzeiten, aber das sagen wir ja schon seit Jahren 😉

Fazit

Wir wollen nicht in Schwarz-weiß-Denken verfallen. Die Abschaffung des Automobils kann nicht das Ziel sinnvoller Politik in Stuttgart sein. Mittelfristig müssen jedoch starke Anreize geschaffen werden, um den Anteil lokal emissionsfreier Automobile stark zu erhöhen und gleichzeitig das innerstädtische Gesamtaufkommen der Fahrzeuge zu verringern. Kleine Korrekturen am Verkehrssystem sowie konsequente Digitalisierung werden den Straßenverkehr wie den ÖPNV effizienter gestalten und Alternativen zum Privat-PKW attraktiver machen.

Wir wollen Stuttgart zum Vorbild nachhaltiger Mobilität machen, ohne den Bürger*innen dabei die eigene zu nehmen.

Auf einen Blick:

  • Ausbau ÖPNV & weitere Senkung der Ticketpreise durch Steuermittel (Ziel: 365€-Jahresticket)
  • Ausbau des Radwegenetzes; bauliche Veränderungen für mehr Sicherheit
  • Innenstadt innerhalb des Citryrings autofrei gestalten; Anfahrten nur zu Parkhäusern
  • Fußwegebeziehungen fördern durch attraktive Ampelschaltungen etc.